Schutzhaus-Geschichten

Schutzhaus-Geschichten

1895

Ein erster Plan

Sehr früh schon erkannten begeisterte Alpinisten die Schönheit der Zillertaler Gletscher in Südtirol. So plante der „Hüttenausbau-Ausschuss“ der Sektion Berlin des D. u. Oe. Alpenvereins bereits 1895 eine „Jubiläumshütte“ am Eisbruggjoch, die laut Vorstand „…den Besuch des Hochfeilers und noch einiger Gipfel im westlichen Theile des Zillerthaler Hauptkammes für die … Alpenreisenden wesentlich erleichtern…“ sollte.

Es dauerte noch bis 1906, bis schließlich die Alpine Gesellschaft „Edelraute“ des Österreichischen Alpenklubs in Wien ein Baugrundstück am Eisbruggjoch erwarb und im folgenden Jahr die „Edelrautehütte“, eine der ersten Schutzhütten in Südtirol, errichtete. Die Hütte bekam den Namen der Erbauergesellschaft „Edelraute“, die nach der gelben Hochgebirgsblume benannt ist, die man heute noch am Eisbruggjoch findet.

1908

Hohe Wiener Herren am Gletscher

Das neu errichtete Südtiroler Schutzhaus wurde am 17.08.1908 im Beisein des kaiserlichen Regierungsrates Dr. Daimer, geboren in Sand in Taufers, feierlich eingeweiht. Bis 2015 präsentierte sich die Hütte in etwa so, wie sie damals erbaut wurde, als Holzblockbau, sparsamst untermauert, rundum geschindelt, innen getäfelt. Von Anfang an war der Gletscherstützpunkt gut besucht. Im Schlechtwettersommer 1910 wagten immerhin 95 frühe Pioniere den Anstieg.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Südtirol im Vertrag von St. Germain Italien zugesprochen und alle auf diesem Gebiet liegenden Schutzhütten des deutsch-österreichischen Alpenvereins wurden enteignet. Auf den italienischen Karten wurde der Name „Edelrautehütte“ im Zuge der Italianisierung durch „Rifugio Passo Ponte di Ghiaccio“ ersetzt.

Der Volksmund hat bis heute den Gründernamen erhalten, ihn aber um das „e“ in der Mitte gekürzt: Edelraute Hütte – Edelrauthütte. Der dritte Name, der an vielen Stellen auftaucht, „Eisbruggjochhütte“, ist die Übersetzung des italienischen Namens ins Deutsche. Der „Rifugio“ war nun im Besitz des italienischen Verteidigungsministeriums, die Verwaltung wurde dem CAI Alto Adige-Sezione die Bressanone übertragen, in deren Verantwortung nun Bewirtschaftung und Instandhaltung lagen.

1918

Viele Namen am Joch

Das nach dem Zweiten Weltkrieg verwahrloste und stark beschädigte Schutzhaus setzte der CAI Brixen 1950 wieder instand und bewirtschaftete es bis 1964. Dann wurde es erneut militärisch besetzt.

1945

Wirren nach dem Krieg

Seit 1973 ist die Edelrauthütte wieder ganz für die Bergsteiger da. Eröffnet wurde sie damals von Peter Volgger. Im folgenden Jahr bereits übernahmen Toni und Maridl Weissteiner zusammen mit Familie Mittermair, den späteren Hochfeilerwirtsleuten, das einfache Schutzhaus.

Die Bewirtschaftung auf 2.545 m, ohne Zufahrt, über schmalste Bergpfade, war nicht einfach für die Familien. Anfangs erfolgte der Lebensmitteltransport noch zur Gänze per Kraxe, Rucksack oder Pferd, auch wenn mehr und mehr Wanderer und Tourengeher den Weg auf die Edelrauthütte fanden.

1973

Die Liebe zum Wandern erwacht

1978

Ein Zubau für das Schutzhaus

Da sich an Spitzentagen bald Raumnot bemerkbar machte, erhielt die Hütte 1978 einen Nebenbau, das Biwak „Enzo Miglioranza“ mit Winterraum und einfachsten Schlaflagern. Der Materialtransport dazu erfolgte großteils mit Mulis, zu einem geringen Teil auch mit einem Armeehubschrauber, was damals für viel Aufsehen sorgte.

1980

Die Moderne kommt

Die ersten Lebensmittellieferungen per Hubschrauber kamen 1980. Mit der zunehmenden Beliebtheit der Höhenwege wurde bald ein weiterer Ausbau der Hütte nötig. 1985 wurden von der CAI Sektion Brixen der Schuhraum und die Klosette (!) errichtet, 1986 lieferte die Sektion ein neues Stromaggregat, sodass eine Waschmaschine (!) angeschafft werden konnte. Der Bau des heutigen E-Werks erfolgte 1990/91.

1990 wird das Schutzhaus geschlossen. Grund: Küche und Klosette entsprechen in keinster Weise mehr den geltenden Bestimmungen. Der damalige Hüttenwirt lässt ein Projekt für den Umbau anfertigen – die CAI Sektion Brixen stimmt der für eine Wiedereröffnung notwendigen Bauarbeiten zu, unter der Bedingung, dass die gesamten Umbaukosten der Hüttenwirt trägt. 1991 werden Küche, Speisesaal und Klosette erneuert.

1991

Ungewollte Schließung

2008

100 Jahre –  und ein bisschen müde

2008 wird das standhafte Schutzhaus am Eisbruggjoch stolze 100 Jahre alt. Man feiert gehörig. Ein Buch erscheint, eine große Jubiläumsfeier findet statt und aus gegebenem Anlass bekommt das Schutzhaus ein neues Kleid: Die alte Schindelung, durch die der Wind immer wieder Schnee auf die Betten der Gäste bläst, wird erneuert.

2010 gehen 26 CAI-Schutzhütten an das Land Südtirol über, unter anderen auch die Edelrauthütte. Nach ersten Bestandsaufnahmen steht bald fest: Die Träger sind morsch, die Hütte windschief. Eine Renovierung lohnt nicht. Ein Architektenwettbewerb wird ausgeschrieben – und löst mit seinen Ergebnissen die wohl kontroverseste Diskussion um hochalpine Architektur aus, die es in Südtirol jemals gegeben hat.

2010

Eine neue Ära

Im Frühjahr 2015 wird es ernst. Eine Materialseilbahn wird für den Neubau aufgestellt, Bagger fahren auf und fleißige Gsieser Bauarbeiter beziehen die alte Edelrauthütte. Was 108 Jahre allen Winden und Wettern am Eisbruggjoch standgehalten hat, wird in drei Monaten niedergerissen. Gleichzeitig entsteht genau hinter der alten Hütte der Neubau, für den Architekt Matteo Scagnol verantwortlich zeichnet.

2015

Abriss eines standhaften Hauses

2016

Alles neu macht das Land

2016 stehen der Hütte einige spannende Dates bevor. Einmal eine öffentliche Ausschreibung im April, die den besten aller Hüttenwirte ermitteln soll, die Neueröffnung im Juli und den ganzen Sommer lang die vielen Treffs mit der innovativen Haustechnik, welche die Hütte energieautark halten soll. Es bleibt spannend!